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Von der Nördlichen Hauptstadt zum Kopf des alten Drachens

Mit Fahrrädern auf der Route Peking - Gelbes Meer

Zixingche - das Fahrrad Ein Hauch von Abenteuer beim Linksabbiegen     Kaiserliche Gräber, Drachen und Löwen Willst du den Berg hinan... Hoch oben die Große Mauer Wasserkastanien und hundertjährige Eier Chengde - kaiserliche Sommerresidenz Alltag unterwegs Am Kopf des alten Drachens INFO's vor dem neuen(!) Stadttor von Pingquan

 
Zixingche - das Fahrrad

China empfängt uns .... Das erste, was wir im Anflug von oben sehen, ist grünes Gebirge. Dann flache Kulturlandschaft. Peking (chin. Beijing - nördliche Hauptstadt) liegt im Dunst.
Nach der Abfertigung begrüßt uns Christof von China By Bike. Die nächsten drei Wochen wird er uns China-Neulingen das Reich der Mitte nahe bringen, denn seine Fähigkeiten erschöpfen sich bei weitem nicht im Lesen chinesischer Land- und Speisekarten.

Im Bus auf dem langen Flughafenzubringer reden wir nicht viel - die Schriftzeichen, die Autos, die Leute... die Mautstation erinnert jetzt noch eher an den Eingang von China-Restaurants, wie wir sie von zu Hause kennen. Aber der Hauch Asiens nimmt uns allmählich gefangen. Das Huabei-Hotel in der Gulouwai-Straße wirkt 'feudal' - hohe Eingangshalle, mit Kronleuchter, Empfangsboys springen herbei, korrekte Damen an der Rezeption - geeignet, um die ersten Eindrücke ein wenig zu ordnen.
Die Räder holen wir später in einem Geschäft in der Jiaodaokou-Straße ab, solide Giant-Trekkingräder.

auf dem Tiananmen-Platz

Tiananmen - Tor des himmlischen Friedens
Ein Hauch von Abenteuer beim Linksabbiegen

Peking. Himmelstempel, Verbotene Stadt, das Altstadtviertel mit seinen Gassen (Hutong genannt)- wie Oasen stehen Einsprengsel der Geschichte inmitten von Bauten aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts und den Glaspalästen des dritten Jahrtausends. Hochhaustürme kratzen an den Wolken. Olympia 2008 ist allgegenwärtig. Wir erforschen die 6-Millionenstadt selbstverständlich mit dem Fahrrad. Ein Erlebnis an sich! Der Radfahrstreifen erreicht an einigen Stellen, so am Tiananmen-Platz, die Breite hiesiger Bundesstraßen. Chinesen orientieren sie sich im Straßenverkehr nur nach vorn. Ob plötzlicher Schwenk des Vordermanns/-frau nach links oder ein zum Straßenrand einbiegendes Taxi oder unerwarteter Gegenverkehr - die Leute reagieren völlig unaufgeregt.... Karambolagen sehen wir (fast) nie, auch (fast) keine Wutausbrüche oder gegenseitige Beschimpfungen. Das Linksabbiegen über große Kreuzungen bekommt für uns die ersten Male einen Hauch von Abenteuer: Jedes Zögern wird vom (gleichzeitig) kreuzenden Autoverkehr als mangelnder Fahrwille aufgefasst... Da heißt es, Zurückhaltung ablegen, einfach losfahren, nur die eigene Richtung im Auge. Auch wenn die Autofahrer viel und teilweise ausdauernd hupen, sitzen sie dabei völlig gelassen hinter ihrem Steuer und - bremsen letztendlich.... Kunstvoll oder einfach gebundene rote Schleifen fallen uns nur an PKW und Lastwagen auf. Vielleicht verlassen sich Radfahrer doch lieber auf ihre Fahrkünste als auf diese weit verbreiteten Glückssymbole. Chinesen fahren übrigens sehr langsam mit dem Rad. Vielleicht auch deshalb, weil oftmals noch andere Familienmitglieder und/oder diverse Lasten transportiert werden?
auf Pekings Straßen
Kaiserliche Gräber, Drachen und Löwen

Aus der Hauptstadt gelangen wir auf kilometerlangen breiten Boulevards, umfahren den kaiserlichen Sommerpalast. Hier lichtet sich der Verkehr. Wir bleiben auf einer Piste neben dem Jingmi-Kanal, immer Richtung Norden. Vorstadtidylle. Der Kanal ist teilweise grün mit Entengrütze bezogen, an anderen Stellen baden Jugendliche. Die Dreizehn Minggräber nach knapp 60 km erreichen wir in wenigen Stun-den, laufen durch die 'shen dao', die Straße der Seelen mit ihren überlebensgroßen Figuren (die Räder müssen draußen bleiben). Wie lange mochte es gedauert haben vor Jahrhunderten, bis die Leichname der verstorbenen Kaiser hierher gelangten? Die Changling-Grabanlage (eine von 13 Nekropolen der Ming-Kaiser) besteht aus restaurierten Gebäuden - Geschichte, wie Chinesen sie lieben. Dahinter verbirgt sich nicht nur neuzeitliche Referenz an den Tourismus sondern ein Jahrtausende alter Brauch, Zerstörtes originalgetreu aufzubauen. Traditionelle Elemente, die wir hier sehen, finden wir während der Tour aber auch auf oder vor dem einen oder anderen neueren Gebäuden wieder - Figuren von Drachen und anderen Fabelwesen zum Schutz vor Blitzen und anderen bösen Geistern und - Löwenstatuen. Diese schauen gar grimmig drein, verkörpern aber etwas sehr Elementares - das Männliche und das Weibliche. Der männliche Löwe verkörpert Macht, indem er eine Tatze auf eine Kugel stellt. Unter einer Tatze des Weibchens liegt ein Löwenbaby und wird über die Krallen gesäugt.

Fahrräder...

noch nicht restauriertes Minggrab
"Willst du den Berg hinan..."

Die Hauptstadt hatte uns zunächst in ihr flaches Umland "entlassen". Nur noch gelegentlich berühren wir stark befahrene Verkehrstrassen. Auch die Nebenstraßen erweisen sich meist in gutem Zustand. Sogar an das häufige Hupen der Kraftfahrer gewöhnen wir uns. Sie signalisieren damit lediglich den Überholvorgang. Doch das Streckenprofil ändert sich, je näher wir den dunstigen schroffen Bergen des Yanshan-Gebirges kommen. Auf den Serpentinen zu einem Pass in 1000m Höhe motiviert der Spruch 'willst du den Berg hinan, steig nur hinan und denk' nicht daran...' Aber Pass bedeutet schließlich auch, danach geht es wieder abwärts! Ob der kleine Schrein gleich neben der Straße schon anderen Radfahrern das Treten erleichterte? Ohne diese Anstiege jedoch hätten wir ein Naturerlebnis verpasst: den Canyon des Bai- (Weißen) Flusses. Die Straße klebt hier regelrecht am Felsen auf halber Höhe zwischen Gipfel und dem Flusslauf tief unten. Gelber Fluss hätte der Farbe wegen besser gepasst. Doch dieser Name ist weiter südlich schon vergeben... Die Strecke verlangt einiges an Konzentration. Nicht wegen des Verkehrs - wir haben das Tal fast für uns allein. Aber die Aus- und Einblicke hinter jeder Kurve auf mal sanfteren, mal steileren Abfahrten, die können schon ablenken.

endlich oben...
Hoch oben die Große Mauer

Postkartenidylle begegnet uns auf fast jeder Etappe: Ein lichter grüner Tunnel aus Alleebäumen und Maisfeldern; die Reifen summen über den Asphalt; ringsum schroffe satt grüne Bergen mit umwölkten Spitzen. Am Straßenrand werden Aprikosen getrocknet, manchmal auch Mandeln auf der warmen son-nenbeschienenen Fahrbahn. Und - was eine Postkarte nicht zeigen könnte - in den Bäumen lärmen die Zikaden. Es beginnt plötzlich, wie auf Kommando. Einzelne Solisten stechen mit Tönen hervor, die mongolischem Kehlgesang ähneln. Mehrfach thront über dieser Szenerie hoch oben die Große Mauer. Viermal kreuzen wir ihren Verlauf. Sie liegt wie hingeworfen über Gipfeln und Schluchten und ging in den Jahrhunderten mit der Landschaft eine Symbiose ein. Die Große Mauer sollte erst die antiken Kleinstaaten voreinander und später das mittelalterliche Reich gegen Einfälle "wilder" Völker aus dem Norden schützen. Mit 'chang cheng' - 'lange Mauer' haben die Chinesen wohl einen treffenderen Begriff für dieses fast 6000 km lange Bauwerk gefunden, welches sich vom Gelben Meer bis in den kargen Westen des Landes erstreckt. 'Cheng' bedeutet nebenbei bemerkt nicht nur 'Mauer', sondern auch 'Stadt'. Eine erhaltene Stadtmauer aber sehen wir nur in Shanhaiguan, dafür in jedem Dorf die gelblich-rötlichen oder auch grauen Mauern um die Gehöfte. In abstraktem Sinne verfügt selbst das Zeichen für Land bzw. Staat ('guo' ) über eine "Umfriedung".

Von Simatai bis Jinshanling überlassen wir unsere Räder dem LKW. Mehrere Kilometer zu Fuß erkunden wir die Große Mauer über Schrägen und Treppen, von Turm zu Turm. An einem treffen wir Herrn Feng. Er hat sich mit seiner Frau eine kleine Hütte gebaut und lebt von den Touristen, die Getränke, Postkarten, Broschüren kaufen. Er erzählt dies und das über die Mauer. "Und für den weißen Mörtel", fragt Christof, "wurde dazu wirklich Reis verwendet?" Herr Feng schüttelt den Kopf. Soviel Reis hätten die Bauern gar nicht übrig gehabt. Seiner Meinung nach setze sich der Mörtel wohl aus Kalk und Hirse zusammen... Bei Jinshanling steigen wir wieder hinab, zugleich auch in die Provinz Hebei. Deren Name bedeutet "nördlich des (Gelben) Flusses". Sie umschließt die Hauptstadt Peking, wie etwa das deutsche Bundesland Brandenburg Berlin, hat aber in Vergleich zu letzterem 67 Mill. Einwohner! Hier entstand unter der Shang-Dynastie (1711 - 1066 v.Chr.) der erste historisch belegbare chinesische Staat.

wildromantische Mauer abseits der Touristenströme






Wanderung auf der Großen Mauer
Wasserkastanien und hundertjährige Eier

Das Essen erleben wir vielfältig, reichhaltig und für unsere Maßstäbe sehr billig. Restaurants bzw. so-genannte Garküchen finden wir in jedem Ort. Neben den wunderbaren Nudelsuppen als "Aufbaunahrung" unterwegs gibt es auch gelbe scharfe Wasserkastanien, Tofu, Entenstreifen mit Frühlingszwiebeln (unsere Zwiebel heißt hier übrigens 'ausländische Zwiebel', die Tomate 'westliche Rotfrucht' ), den Feuertopf - eine Art Fondue mit Brühe und... und... und natürlich - auch Peking-Ente. Selbst Hundertjährige Eier probieren wir - nun ja, zur Lieblingsspeise werden sie nicht. Die Speisekarte auf Chinesisch? Dank Christof kein Problem. Andere Ausländer zeigen auf ein Gericht in der Küche oder auf einem anderen Tisch - auch so geht es. Das Bier, es schmeckt im allgemeinen sehr gut, brachten nicht Engländer oder Deutsche als erste nach China, sondern Russen. Deren 'piwo' gab dem Getränk in China den Namen - 'pijou'... Es gibt das Yunhu-(Wolkensee-)bier, Bittergurkenbier und weitere Sorten. Ach ja, Chinesen setzen sich ins Restaurant zum Essen und Trinken, bezahlen und gehen wieder. Wir essen und trinken natürlich auch, sitzen aber dann abends oft noch bei Bier und Tee, gehen die Etappe des nächsten Tages durch, quatschen... und sind nicht nur einmal die Letzten.



'hunderjährige' Eier
Chengde - kaiserliche Sommeresidenz

Chengde empfängt uns modern: autobahnähnliche Zufahrtstraße mit Fahrradstreifen(!), Skyline mit Hochhäusern. Die 200 000-Einwohner Stadt liegt in einem Tal mit mildem Klima. Die Qing-Kaiser (und ihr Hofstaat!) wussten schon, warum sie gerade hier im 18. Jahrhundert die Sommerresidenz errichten ließen. Inmitten sprudelnden Verkehrs im Stadtzentrum reitet der steinerne Kaiser Kangxi. Er gilt als Ideen- und Befehlsgeber für den Bau der Sommerresidenz. Gleich gegenüber deren Eingang übernachten wir wieder in einem dieser Hotel-Paläste, dem Mountain Villa Hotel, mit Kronleuchter im Entree-Bereich, lackiertem Holz, Seidentapeten und Gemälde im Frühstücksraum. Das frühere kaiserliche Areal mit seinen Palästen und dem Pavillon- und Seengebiet besuchen mit uns eine große Zahl Einheimischer. Dieser wachsende innerchinesische Tourismus, die Entdeckung des eigenen Landes, spiegelt eine Normalität wieder, die sich in China erst mit der Politik der Öffnung unter Deng Xiao Ping nach Maos Tod 1976 entwickelte. Denn in den ersten Jahrzehnten der Volksrepublik (Gründung 1949) hatten die Menschen andere Sorgen. Und unter den davor herrschenden Verhältnissen (Krieg, Bürgerkrieg, halbfeudale Strukturen) war an Tourismus in großem Umfang ohnehin nicht zu denken. Wir sind fast die einzigen nichtchinesischen Besucher. Von den um die Sommerresidenz herum gebauten Acht Äußeren Tempeln beeindruckt uns der Putuozhongsheng-Tempel (Tempel der Putuo-Lehre) am meisten. In keinem China- Bildband, in dem Chengde eine Rolle spielt, fehlt sein Bild: Der Kleine Potala, wie er nach seinem tibetischen Vorbild genannt wird, wirkt wie ein frühzeitliches Hochhaus. Zu seinen "Füßen" spielen sich religiöse Rituale ab. Besucher kaufen Räucherstäbchen, verbrennen sie, beten. Mönche sitzen im Tempel, werden bei ihrem Tun beäugt. Mit der Religion nehmen es Chinesen im allgemeinen nicht so genau. Allerdings ist der Geisterglaube (wieder) sehr verbreitet.

auch einem Reiseleiter gehen mal die Schuhe kaputt...
Alltag unterwegs

Zwischen Chengde und Pingquan, der 'Quelle in der Ebene', fährt ein junger Mann auf dem Motorrad eine ganze Weile neben uns her, sagt dies und jenes und dass die neue Straße nach Pingquan doch viel besser sei. Was ist besser? Ansichtssache. Für ihn die neue, schnelle Straße - für uns diese alte und ruhige. Bei einer Rast am Rande eines Dorfes nähern sich erst schüchtern zwei Jungs, holen dann noch einen dritten und ein Mädchen und setzen sich in einiger Entfernung aber doch nah genug an den Straßenrand, um die 'laowai' beobachten zu können. Hier, östlich Chengde betrachten uns die Einheimischen mit besonderer Neugier. Offensichtlich hielten in einigen Orten noch nie zuvor leibhaftige Ausländer. Ni hao (im Sinne von 'guten Tag' gebraucht) setzt schnell die Hemmschwelle herab und man will wissen, woher wir kommen, wohin wir wollen, wie alt wir sind oder auch mal, ob uns denn die Regierung diese Reise bezahle...
Straßenbaustellen tangieren wir zwar nicht oft, dafür aber über mehrere Kilometer. Allgemeiner Bauboom oder Olympiavorbereitung 2008 oder beides? Alltag spielt sich vor unseren Augen ab: Ein Dorf lebt mit der Baustelle. Wer ist Arbeiter, wer ist Anwohner? Eine Schaufel halten sehr viele in der Hand.... Mit dem Moped geleitet uns ein Anwohner über Seitengassen um die Baustelle herum. Und ringsherum erhebt sich diese faszinierende Gebirgskulisse.

Am Kopf des alten Drachens

In Shanhaiguan, dem 'Pass zwischen Gebirge und Meer', neigt sich unsere Radtour dem Ende zu. Noch vier Kilometer durch die lärmende geschäftige Neustadt mit ihren Betonhäusern, Bankpalästen, neu errichteten Firmen und wir erreichen Laolongtou ('Kopf des alten Drachens'). Stellt man sich die Große Mauer als einen in Ost-West-Richtung liegenden riesigen Drachen vor, so taucht er hier seinen Kopf in die See. Das ins Wasser ragende restaurierte Fort zieht Besucherströme an. Wir stellen die Räder ab und blicken hinaus auf das Gelbe Meer...
Zurück nach Peking bringt uns ein vollklimatisierter Zug. Rund Tausend Kilometer legten wir am Ende mit allen innerstädtischen Touren zurück.

wo die Große Mauer ihren Anfang nimmt...
(Juli 2004)

INFO's
Nachahmer und sonstige Interessenten finden hier vielfältige Informationen....
Weitere Impressionen und Erlebnisse veröffentlichte die BERLINER ZEITUNG