Mit dem Rad zu guter Nachbarschaft
eine deutsch-polnische Tour kommt "in die Jahre"

Ein Julisonntagmorgen zwischen 5 und 6 Uhr früh: Ein großer und ein kleiner Bus halten auf einem Parkplatz in der Nähe des Bahnhofes Kostrzyn. Leute steigen aus, nehmen ihr Gepäck und am LKW ihre Fahrräder in Empfang und beeilen sich, den schon bereit stehenden Regionalzug nach Berlin noch zu schaffen. Kurze Verabschiedung "tschüss, bis zum nächsten Mal" oder "do widzenia, do nastepnego roku". Hier kennen sich welche schon lange oder sehen sich bald wieder, so scheint es. Beides trifft zu für eine Radtour, die 2004, in ihrem elften Jahr, die Weichsel entlang von Warschau nach Krakau führte.

Rückblick: 1992 gehen zwei Männer spazieren, ausnahmsweise zu Fuß. Der eine Jörg Lüderitz, jenseits der Oder geboren, erforscht seine alte Heimat mit dem Rad, publiziert darüber und kennt, wie eine polnische Zeitung schrieb, die Ziemia Lubuska (polnischer Teil des Lebuser Landes) bald besser als die Polen selbst. Der andere, Werner Stenzel, Radsportler, arbeitete mehrere Jahre in Warschau und war 1990 Mitbegründer der Gesellschaft für gute Nachbarschaft zu Polen. Die Idee zur Radtour der guten Nachbarschaft wurde während des Spaziergangs geboren - und gemeinsam mit polnischen Partnern in die Tat umgesetzt.
So startete 1993 die erste deutsch-polnischen Radtour der guten Nachbarschaft, die "Ökologie 93". 12 polnische und 43 deutschen Teilnehmer radelten eine Woche durch die Ziemia Lubuska, mit Etappenorten wie Gorzów, Sulecin, Kostrzyn, Slubice, Lubniewice. Dabei übrigens auch Radsportlegende Täve Schur - und, in Gestalt eines Regionalredakteurs, Polens führende Tageszeitung Gazeta Wyborcza. Das NEUE DEUTSCHLAND sah damals sogar "Ein Hauch von Friedensfahrt" wehen.

In den Jahren darauf sicherte sich das Ereignis seine Fangemeinde und einen festen Platz im jährlichen Radtourenkalender. Es folgten Streckenführungen nach Wroclaw, Torun oder Gdansk. "Mit dem Drahtesel in einer Woche zwölfmal über die Grenze" titelte die MÄRKISCHE ODERZEITUNG im Jahr 2000 in Anspielung auf den Streckenverlauf links und rechts von Oder und Neiße. Prominentester Teilnehmer damals war Lech Piasecki vom Fahrradklub Orleta Gorzów, Friedensfahrtsieger 1985 und mehrfacher Weltmeister.
Ein Jahr später, die BUGA-Tour 2001, endete in Potsdam. 2002 verabschiedete im Berliner Friedrichshain sogar eine Vertreterin der polnischen Botschaft das bunte Starterfeld nach Warschau. Im zehnten Jahr, 2003, kehrten die Organisatoren zu den Wurzeln ins Lebuser Land zurück - nicht aus Einfallslosigkeit sondern aus Gründen der Tradition. Und 2004 schließlich folgte die Strecke der geschichtsträchtigen Weichsel in der Mitte Polens.

Deutscher Trägerverein ist von Anfang an die Gesellschaft für gute Nachbarschaft zu Polen e.V., ihr zuverlässiger Partner die Abteilung Gorzów/Wlkp. des LZS (Ludowe Zespoly Sportowe - Zusammenschluss polnischer Volkssportklubs).
Inzwischen zahlreicher kommerzieller "Konkurrenz" begegnen die ehrenamtlichen Organisatoren mit immer neuen Ideen und reichlich Idealismus. Den verkörpert als leitender Geist wie kaum ein anderer seit Anbeginn Werner Stenzel - der spiritus rector der Tour. Der unermüdliche 66jährige hält den Teilnehmerstamm zusammen und geht kommunalen Stellen (z.B. der Stadt Berlin) oder sogar dem Auswärtigen Amt "auf die Nerven". Und er sorgt dafür, dass es nicht bei einer reinen Radtour bleibt, sondern Kulturelles und Historisches unterwegs besucht oder wenigstens nicht übersehen wird. Sein polnisches Pendant, Zdislaw Butrym, findet auch für kniffligste organisatorische und finanzielle Engpässe eine Lösung. "Wir sind zwar nicht so pünktlich wie ihr, dafür können wir besser improvisieren...", äußerte er augenzwinkernd zu den deutschen Teilnehmern, als ein Empfang im Wojewodschaftsamt Gorzów nicht gar so pünktlich begann.

So verschieden die Räder, so unterschiedlich die Motive der Teilnehmer. Manchem ist es egal, wo er radelt: Ob in Polen, Afrika oder Grönland - Hauptsache die Straße ist gut und der Weg bekannt, damit man nicht soviel anhalten muss. Es gibt Rennfahrer, Kulturmenschen, Polen-Liebhaber, am Gruppenerlebnis Interessierte, stille Mitfahrer; es gibt die Aktiven, die ständig in Bewegung und am Organisieren sind, die Erzähler und die Witzbolde... Angenehmerweise selten in Reinkultur - so wie im "richtigen" Leben. Unterwegs-Gespräche gestalten sich je nach Kondition: Steigt das Tempo, geht das interessanteste Gespräch, bei dem einen eher - bei dem anderen später, vom Fluss in ein Tröpfeln über...

Glücklicherweise bieten die täglichen Etappenlängen zwischen 60 und (selten) über 100 km neben dem eigentlichen Fahren viel freie Zeit für unterschiedliche Neigungen. Zu Beginn ordnen sich "Leistungs-" Gruppen: Gruppe 1 - die "Rennfahrer" (zu der 1993 natürlich auch Täve zählte, Stundenmittel von 30 km/h!), bis zur Gruppe 5 (es gab auch schon mal 7). Dort finden sich eher Radspaziergänger zusammen. So gehen die einen allmorgendlich an den "Start" und die anderen fahren einfach "los". Da die Etappenziele festgelegt sind, stört bei der Ankunft ein zeitlicher Abstand von einer bis zwei Stunden zwischen den ersten und den letzten niemanden.

Geführt werden die Gruppen von polnischen Piloten. Das sind so eine Art Gruppenleiter. Es dauert nicht lange, bis sich die sportliche Eigendynamik einstellt: Bleib dran am Pulk oder du musst immer wieder kräftezehrende Zwischensprints einlegen. Handbewegungen dienen nicht nur der Lockerung, sondern wollen etwas sagen: Die Hand weist nach unten: Achtung -Schlagloch Rinne, Absatz und ähnlich Unerfreuliches; die Hand weist nach oben: Achtung - gleich halten wir. Schön, dass sich der Pilot in der Strecke auch mal irrt. Da organisierte Radfahrer ein gewisses Mindestmaß an Disziplin auszeichnet, wendet dann der ganze Tross auf der Straße. So können sich die Vorderen und die Letzten des Feldes auch mal in die Augen schauen, ohne dass sich Erstere den Hals verrenken.

Für manche Autofahrer, ob Polen oder Deutsche, sind solche Fernradler ohnehin mit einer "Macke" behaftet. Sie werden von denen gern aus dem Weg gehupt. So, als ob undisziplinierte Kinder auf der Straße statt auf dem Spielplatz spielen. Vielleicht läuft in dem Moment im Autoradio gerade ein Bericht von der Tour de France... "Richtige" Radrennfahrer stehen "richtigen" Autofahrern ethnisch irgendwie näher - als ernsthafte Kämpfer....

Die Teilnehmerzahlen schwankten zwischen 50 und 60, der Altersdurchschnitt übrigens manchmal auch... Nicht nur "Ossis", auch Viele aus westlichen Bundesländern, wie Rick, der Amerikaner aus Mainz oder Verena die Schweizerin zählen inzwischen zum Stamm. Frauen stellen eine wachsende Minderheit unter den Teilnehmern dar... und auf jeder Tour tauchen neue Gesichter beiderlei Geschlechts auf.

In Print- oder elektronischen Medien findet die Veranstaltung immer weniger Platz. Zu unspektakulär, nichts Besonderes? Wo doch sonst jeder auffällige Individualist, der sich nur ungewöhnlich genug auf den Weg macht, wenigstens mit einer Nachricht beklatscht wird. Die Radtouren der guten Nachbarschaft begannen, als noch die meisten Reisen gen Westen führten. Auf politischer Ebenen vollzogen sich in dieser Zeit große Veränderungen. Die Teilnehmer erlebten Polen in einer Zeit, als noch mit 50 000 Zloty-Scheinen bezahlt wurde bis heute, wo das Nachbarland zur Europäischen Union gehört. Wenn sich im Juli 2005 die Teilnehmer der Radtour der guten Nachbarschaft völlig unspektakulär voneinander verabschieden werden, liegt wieder eine ganz besondere Woche deutsch-polnischer Normalität hinter ihnen...

(März 2005)