Fata Morgana

Mit dem Zug von Fès nach Tanger via Volubilis

Den Besuch in Fès, einer der marokkanischen Königs- und Universitätsstädte, spürte ich in meinen Füßen. Drei Stunden durch Fès el Bali - Medersa (Koranschule), Gerberei, Backstuben und Kaufangebote über Kaufangebote: "Nur gucken, nicht kaufen... Ich mache einen guten Preis. . . "

Hergekommen war ich über Volubilis, einer antiken römischen Ruinenstadt. Die Rückfahrt mit der Eisenbahn nach Tanger, der Hafenstadt an der Straße von Gibraltar, wird wohl weniger anstrengend sein. . . Landschaft vorbeiziehen lassen, vor mich hindösen, ein wenig lesen, ein bißchen schlafen. . .

*
Der Zug aus einem Nest an der algerischen Grenze fährt ein. Das übliche Gehaste und Gedränge. Frauen mit Kindern und Bündeln. Preußisch-diszipliniert stelle ich mich an einer der Türen an, in der Vorstellung, es müsse sowieso erst ausgestiegen werden. Ein ehrwürdiger älterer Hadsch (jemand der bereits an der Pilgerfahrt nach Mekka, dem Hadsch, teilnahm) im weißen Dschillaba schiebt seine rundliche Frau den Waggon hinauf, während andere noch nach draußen drängen. Als ich endlich das Innere des Waggons erreiche, habe ich mich längst damit abgefunden, im Gang stehen zu müssen. Überraschenderweise finden sich gleich im ersten Abteil noch freie Plätze. Nur der Hadsch und seine Frau sitzen hier. Ob er wirklich etwas grimmig dreinschaut oder ob es nur so scheint, ich weiß es nicht. Vielleicht ist es eine Erklärung dafür, warum im Abteil trotz der vielen Fahrgäste soviel Platz ist. Auf mein " As salamu aleikum " ( Guten Tag) ändert sich der Gesichtsausdruck des Alten kaum. Mich schert es nicht weiter . Ich verstaue mein Gepäck und nehme Platz.

Wenig später betritt eine Frau das Abteil und fragt, an mich gewandt, ob noch ein Platz frei sei. Ich nicke, der Hadsch schüttelt den Kopf. Ich hoffe, sie möge sich nach mir richten und bleiben. Sie setzt sich neben mich. Ich mustere sie verstohlen von der Seite. So stelle ich mir eine afrikanische Schönheit vor: lange Wimpern, dunkle Haut; die krausen Haare werden im Nacken von einem kunstvoll gebundenen schwarzen Tuch zusammen gehalten. Das Profil ihres Gesichtes erinnert mich an eine Ebenholzschnitzerei im Dämmerlicht der Altstadt von Fes. Ihre vollen Lippen regen die Phantasie an, stehen aber nicht so vor, wie man es in Zentralafrika oft findet. Gekleidet ist sie europäisch: bunte Bluse, Jeans, die nackten Füße in Sandalen. Sie spricht mich an und ich weiß, sie ist keine Einheimische. Hiesige Frauen würden im allgemeinen einen fremden Mann nicht einfach so ansprechen. Sie aber fragt mich, ob ich auch englisch spreche und wo ich herkomme. Die Antwort verlängere ich noch um diese oder jene Floskel. So bleibt mir Zeit, ihre Gesichtszüge ausführlich zu studieren - die hohe Stirn, die fein gezogenen Augenbrauen, große schwarze Augen, die Nase weder nordisch schmal noch platt wie in den tropischen Breiten Afrikas.

Auch der Hadsch mustert sie eine Zeitlang - neugierig. Dann fragt er sie etwas auf arabisch. Verstehen kann ich es nicht. Es bezieht sich wohl auf ihre Herkunft. Sie lächelt verlegen, schaut auf ihre Füße und antwortet leise: "Komoren." Der Hadsch blickt fragend in die Runde. Sein Gegenüber, ein jüngerer Mann, zuckt nur mit den Schultern. Der Hadsch murmelt noch etwas und schaut dann aus dem Fenster . "Die Leute hier kennen nur ihre eigene Geografie. Hinter der Sahara ist für sie Niemandsland", sagt sie zu mir , fast entschuldigend, auf englisch. Offensichtlich sollte es außer mir niemand verstehen. Die Komoren. Eine Inselgruppe im Indischen Ozean vor der südostafrikanischen Küste. Noch nie unterhielt ich mich mit jemandem von dort. Mein Interesse steigt - an der Frau und ihrer Heimat.
"Leben Sie in Marokko?" ,frage ich.
"Ich studiere in Fès Biologie. Jetzt fahre ich nach Rabat, muss dort einige Formalitäten erledigen."
Sie erzählt mir noch einiges über ihr Land. Dann vertieft sie sich in ein Lehrbuch. An ihr vorbei blicke ich zum Fenster hinaus. Mir scheint, als studiere sie mein Gesicht aus den Augenwinkeln... zumindest wünsche ich mir das. Die Marokkaner schlafen. Der Zug ruckelt gleichmäßig, draußen trockene kahle Landschaft, Steine auf Geröllflächen...

"Und wo fahren Sie hin?", höre ich nach einer Weile meine Sitznachbarin fragen.
Ich zögere. "Volubilis", erwidere ich, dann entschlossener, "nochmal nach Volubilis."
"Vo1ubilis", nimmt sie versonnen meine Antwort auf, "Zum antiken Volubilis?"
Und hakt sachlich nach: "Ist dort überhaupt ein Bahnhof!"
"Nein, ich steige in Sidi Kacem aus. Dann sehe ich weiter, vielleicht mit dem Bus oder mit dem Taxi. Möglicherweise übernachte ich dort und fahre morgen früh weiter . "
"Ich war noch nie in Volubilis. Obwohl ich jetzt schon anderthalb Jahre in Marokko lebe."
"Ich kenne es bisher nur von Reiseführern, möchte es aber unbedingt selbst sehen. "
*
Ich übernachte in einem Funduq ( einer Herberge ), schlafe früh lange, treibe mich am nächsten Vormittag noch auf dem Suq ( dem Markt) herum und fahre später mit einem klapprigen Bus weiter. Nach etwa einer Dreiviertelstunde tauchen hinter einer Biegung unterhalb der Straße die Ruinen der alten römischen Stadt Volubilis auf. Wie geschaffen als Kulisse für einen Historienfilm: Inmitten sanfter Hügel Säulen, Torbögen, Straßenzüge und natürlich ein Triumphbogen. Im Hotel oberhalb der Anlage finde ich ein Zimmer. Offensichtlich bin ich der einzige Gast.

Abends stehe ich auf dem Balkon. Vor mir die Silhouette der Ruinenstadt im fahlen Mondlicht. Geräusche zwei Zimmer neben mir - erst ein Klicken, dann ein Schleifen - eine Balkontür wird geöffnet und eine Frau tritt heraus... Die Afrikanerin aus dem Zugabteil! Im schräg aus ihrem Zimmer einfallenden Licht zeichnen sich dunkel Körperlinien unter ihrer weißen Bluse ab.

Sie lächelt: "Wunderbar dieses Panorama, nicht wahr?"
"Ich denke, Sie wollten nach Rabat?"
"Stimmt. Dort will ich auch noch hin. Aber jetzt bin ich hier", sagt sie mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte sie nie etwas anderes vorgehabt. "Jetzt müßte man dort über die Straßen gehen", fahrt sie fort, "wie die Leute vor 1500 Jahren."
Sie schaut mich nachdenklich an, dann plötzlich ihr Vorschlag:
"Kommen Sie mit? Allein trau ich mich nicht. "
Erst zögere ich, fühle mich in geheimen Wünschen ertappt.
"Warum nicht?" antworte ich dann schnell, als könnte sie es sich noch anders überlegen, "Treffen wir uns unten."
Ich greife meine Taschenlampe, schließe das Zimmer ab und gehe die Treppe runter. Der Portier schaut zwar etwas verwundert, als ich den Schlüssel abgebe, aber dann ist ihm das Geschehen im Fernseher doch wichtiger.

Nach einer Weile kommt auch sie über den Platz vor dem Hotel gelaufen. Sie trägt Jeans und die gleiche weiße Bluse. Fast rennt sie über den Platz - vielleicht weil es bei ihr so lange dauerte, vielleicht, weil sie nicht gesehen werden möchte. Sie fragt nur: "Können wir gehen?".
Die trockenen Gräser reichen bis zur Hüfte. Zirpen liegt in der Luft. Heuschrecken springen hoch und fliegen davon. Es ist merklich kühler geworden, aber nach mitteleuropäischen Maßstäben eine laue Sommernacht. Vom Norden her, durch das Tanger-Tor betreten wir die antike Stadt und laufen die Decumanus Maximus (Hauptstraße) entlang. "Ist das da vorn eine Art Stadttor?", fragt sie mich und weist auf die Umrisse eines erhabenen Bauwerkes am Ende der Straße. "Nein, das ist ein Triumphbogen. Er wurde zu Ehren des römischen Kaisers Caracalla und der Julia Domna ungefähr im Jahre 200 errichtet." Weiter sage ich nichts mehr, weil ich mir in dieser Situation als dozierender Reiseleiter ein wenig albern vorkomme.
"Ob der Kaiser mit seiner Julia Domna hier auch mal nachts langgegangen ist? Was meinen Sie?", fragt sie und stützt sich am Venus-Haus mit beiden Händen auf die Mauerreste.
"Was mag sich hier so alles abgespielt haben", fahrt sie fort - mehr zu sich selbst. Ich schaue von der Seite auf sie, knipse die Taschenlampe an und richte den Lichtstrahl auf das Fußbodenmosaik im Innern des Gemäuers. Wie verzaubert starrt sie auf das Bild. Es stellt eine Nymphe dar . Sie faßt nach einem kräftig gebauten bärtigen Jüngling. So als wollte sie ihn hinter sich ziehen. Sein Körper drängt scheinbar weg, aber sein Blick läßt sie längst nicht mehr los. "Lebenslustig scheinen sie ja gewesen zu sein, die Menschen damals", sagt sie und streicht sich mit der Zunge über die Lippen. Auf mein "Hm" fordert sie mich mit versonnenem Lächeln auf: "Würdest du dich so einfangen lassen?" Da sie jetzt französisch spricht, registriere ich ihren Übergang zum Du. Auf meine Bemerkung: "Wer fängt denn hier wen?", zuckt sie nur mit den Schultern und lehnt sich über die Mauer .

"Schau doch genau hin!" Ich stelle mich dicht neben sie und schaue also. Sie weicht keinen Millimeter zur Seite. Ich rieche ihr Haar . Es duftet irgendwie nach frischem Heu. "Na?", blitzen ihre Augen mich an, der Gesichtsausdruck ein wenig spöttisch. Sie richtet sich wieder auf. "Stell dich doch auch mal so hin wie der da." Ich muß lachen.
"Ich trage doch gar keinen Bart" , versuche ich ein wenig hilflos zu scherzen.

"Das sehe ich doch...". Die Antwort klingt verständnislos, "Sie müssen aussteigen. Sonst wachen Sie erst in Rabat auf."
Ich richte mich ruckartig auf. Die Afrikanerin hat immer noch ihr Lehrbuch auf den Knien und lächelt mich an. Der Hadsch und die anderen Fahrgäste greifen bereits nach ihren Bündeln und Taschen in der Gepäckablage. Der Zug verlangsamt die Fahrt. Noch wenige Minuten bis zum Bahnhof Sidi Kacem. Ich stehe auf, schnappe meine Tasche. Die Bremsen quietschen. Ein Ruck. Ich falle nochmal auf den Sitz zurück. Der Zug steht. "Au revoir", sage ich beim Hinausgehen. "Bonne route á Tanger" verstehe ich als Antwort. Sie schaut nochmal vom Buch auf.
Dann das übliche Geschiebe und Gedränge wie ich es schon kannte. Der Anschlusszug nach Tanger steht schon auf dem Nachbargleis...